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Leseprobe Rubrik: Spiritualität

Den Weg zu sich selbst finden

„Unser Bemühen und unsere Berufung bestehen vornehmlich darin, in Stille und Einsamkeit Gott zu finden.“

„Unser Bemühen und unsere Berufung bestehen vornehmlich darin, in Stille und Einsamkeit Gott zu finden.“
So steht es im Kapitel 12 der Kartäuserregel. Schweigen, Stille und Ruhe sind für das Leben der Kartäuser von zentraler Bedeutung. Das einsame Leben in der Mönchszelle gilt als Hauptmittel, um zu dieser Ruhe zu gelangen, um ganz frei und „leer“ für Gott zu sein. Dazu legen die Mönche ein strenges Schweigegelübde ab und der Kontakt mit der Aussenwelt wird weitgehend abgebrochen. Dies alles bildet die Voraussetzung für ein Leben, dessen streng geregelte Abfolge von Arbeit, Studium, Kontemplation, Gebet und Meditation als dauernder Gottesdienst verstanden wird.
Der Tagesablauf der Mönche ist durch Messen in der Kirche sowie durch Gebete und Arbeit in der Zelle bestimmt. Stundengebete, Andachten, Meditationen und Studien zu fest definierten Zeiten strukturieren den Tag bis ins Detail. Sogar die Nachtruhe wird um Mitternacht durch einen über zweistündigen Gottesdienst in der Kirche unterbrochen. Gegessen wird zweimal allein in der Zelle. An Sonn- und Feiertagen erhalten Tätigkeiten in der Gemeinschaft mehr Raum: neben einem zusätzlichen Chordienst in der Kirche treffen sich die Mönche im Refektorium zum gemeinsamen Mittagessen. Anschliessend begeben sie sich auf einen Spaziergang oder verweilen im Kreuzgarten. Diese Zeit nach dem Mittagessen ist die einzige Gelegenheit, bei der die Mönche miteinander sprechen. Im Kreuzgang und in den Mönchszellen erzählt die einfache Ausstattung der Räume noch heute von der Radikalität dieser strikten Lebensführung. Stille und Besinnlichkeit als wesentliche Lebensgrundlage werden hier als Wert direkt sichtbar, wenngleich die aktuelle Nutzung des Ortes als Kulturzentrum ein gerütteltes Mass an Betriebsamkeit erzeugt.
Gebet und Gottesdienst sind noch immer ein wichtiger Grundpfeiler des Alltagslebens in der Kartause Ittingen. Zweimal pro Woche finden in der Klosterkirche Morgenandachten statt, bei denen auch die Hotelgäste herzlich willkommen sind. Es ist eine besondere Erfahrung, sich wie die Mönche vor Jahrhunderten im altehrwürdigen Chorgestühl zum Gebet zu treffen. Ebenso werden in der Kirche regelmässig Gottesdienste gefeiert. Träger einer vertieften Auseinandersetzung mit Spiritualität und Religionsfragen ist das tecum, das Begegnungs- und Bildungszentrum der evangelischen Landeskirche. Die Organisation bietet in der Kartause Ittingen Veranstaltungen über aktuelle Fragen der Spiritualität und des Zusammenlebens an. Darüber hinaus lädt das tecum Besucherinnen und Besucher ein, im Raum der Stille selbst das Schweigen und die Ruhe zu suchen und zu erfahren. In diesem Raum beim kleinen Kreuzgang wird die Lebensweise der Mönche als Vorbild und als Geschenk angeboten, als ein Geschenk, das Unrast und Ungeduld zu mildern vermag und zu Gelassenheit und Vertrauen führen kann. Wer sich auf einen Moment der Stille und der Ruhe einlässt, kann erfahren, dass Schweigen mehr ist als nicht reden. Dass Schweigen eine Form der Konzentration sein kann, die über den Zustand der Leere hin zu wahrer Erkenntnis führt. Wer dies im Raum der Stille erlebt, ist den Kartäusern durchaus nahe gekommen.

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