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Leseprobe Rubrik: Kultur

Eine Kunstsammlung mit Ortsbezug

Im Kunstmuseum Thurgau öffnen Werke zeitgenössischer KünstlerInnen Wege zu neuen Erfahrungen.

Das Kunstmuseum Thurgau verfolgt ein besonderes Programm. Zu sehen sind hier immer wieder ortsbezogene Installationen von weltbekannten Künstlerinnen und Künstlern, von denen oft auch Arbeiten mit direktem Bezug zur Kartause Ittingen angekauft werden. So gibt es im Kunstmuseum eine aussergewöhnliche Zeichnung des Konzeptkünstlers Joseph Kosuth zu entdecken, in der der Verlust der ehemaligen Klosterbibliothek und der Wertewandel im Lauf der Zeit thematisiert werden, und die Arbeit „Sternennebel“ von Hannes Brunner bezieht sich auf den Wert der Stille im ehemaligen Kloster. Der Künstler baute im historischen Kreuzgang aus Kartonschachteln und Dachlatten skurrile Installationen auf, aus denen nicht hörbare Sphärenklänge erschallen. Mit dieser absurden Konstruktion weist er darauf hin, dass es auch im Zeitalter der Naturwissenschaften Phänomene gibt, die unsichtbar und unhörbar bleiben. Nicht alles, was existiert, ist auch nachweisbar.
Dies wussten auch die Kartäuser, die schweigend ihren Weg zu Gott fanden. Ganz anders bezieht sich Ron Temperli mit seinem Werk „Alltag“ auf das Leben der Mönche. Er schmuggelt eine Zahnbürste, eine Geldbörse, Parfümfläschchen, einen Schlüssel mit Donald-Duck-Anhänger und eine Bettflasche in eine Mönchszelle ein. Diese sorgfältig aus Holz geschnitzten Objekte bilden im historischen Umfeld einen irritierenden Fremdkörper, der mit einem Schlag deutlich macht, dass die Mönche bei all ihrem Streben nach Heiligkeit und Himmel doch immer auch Menschen mit ganz banalen Alltagssorgen gewesen sind. Hendrikje Kühne und Beat Klein greifen in ihrem Mandala auf eine Meditationsform des Buddhismus zurück, verwandeln allerdings dieses religiöse Symbol durch einen Kunstgriff in eine beissende Kritik der westlichen Konsumwut. Kritische Fragen zum Umgang mit religiösen Werten und Fragen der Toleranz stellt auch Johannes Gees in seinem Werk „Salat“, in dem er den Gebetruf von Appenzeller Alphirten in einen Wettstreit mit dem Ruf zum Gebet eines islamischen Imam stellt.
Im Kunstmuseum Thurgau realisiert Christoph Rütimann das Konzept der Vibrationsbleche, das er früher bereits in Performances eingesetzt hatte, erstmals als permanente Installation und als eindeutig skulpturale Situation. Innerhalb der KunstsammlungNicht alle im Kunstmuseum Thurgau gezeigten Werke weisen einen direkten thematischen Bezug zum Ort auf. Christoph Rütimanns Blechwand ist zwar speziell für den Korridor des Museums geschaffen worden, thematisiert aber nicht klösterliche Werte, sondern stellt Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen der zeitgenössischen Kunst. Das Werk besteht aus fünf Raumhohen Blechen, die in einem Traggestell frei hängen. Nähern sich Menschen dem Objekt, beginnen die einzelnen Bleche zu vibrieren und erzeugen einen je eigenen Ton. Durch ihre Bewegung „bespielen“ Betrachterinnen und Betrachter die Bleche und werden zu Gestaltern von Klang- und Raumerfahrungen. Des Museums wird die Arbeit zu einem Schlüsselwerk, anhand dessen modellhaft der Wandel der Kunst nach 1980 vermittelt werden kann.

Ein weiterer Schwerpunkt des Kunstmuseums Thurgau ist die Kunst von Aussenseitern. Den Kern dieser Aktivitäten bildet der im Museum deponierte Nachlass des Berlinger Malers Adolf Dietrich (1877–1957), der mit unbekümmerten Landschaftsbildern des Bodensees und naiven Stillleben seine Zeitgenossen bis nach Berlin oder New York zu faszinieren vermochte. Heute gilt Adolf Dietrich als der wichtigste Thurgauer Künstler, und seine Werke werden in Auktionen schnell einmal zu sechsstelligen Frankenbeträgen gehandelt. Im Kunstmuseum sind ständig Hauptwerke von Dietrich zu sehen, die bis heute nicht zuletzt auch Künstlerinnen und Künstler immer wieder neu in ihren Bann zu ziehen vermögen.
Um diesen einzigartigen Werkkörper von Adolf Dietrich herum gibt es eine bedeutende Sammlung von Werken von naiven und Art Brut-Künstlern. Zu sehen sind etwa wichtige Bilder der von den Kubisten verehrten Maler des heiligen Herzens wie Camille Bombois oder André Bauchant, dann aber auch idyllische Lebensentwürfe oder Gartenbilder von Malern aus der Ostschweiz. Ein herausragendes Konvolut bildet der Nachlass von Hans Krüsi, der seit 1995 im Kunstmuseum Thurgau verwaltet wird. Krüsi verdiente sein Leben als selbständiger Blumenverkäufer auf Zürichs Bahnhofstrasse, bevor er um 1980 merkte, dass er mit dem Verkauf seiner gezeichneten Postkarten oder Papierservietten mehr Erfolg hatte als mit Blumen. In der Folge entstand ein riesiges, mehrere tausend Arbeiten zählendes Werk, in dem eine überbordende Kreativität und Experimentierlust zum Ausdruck kommt. Seine Neuinterpretationen traditioneller Alpaufzugsbilder oder aber seine Fotokopien und Collagen gehören zu den überraschendsten Kreationen der Aussenseiterkunst.

Qualitätsmaßstäbe für Kreativität?
Im Kunstmuseum Thurgau treffen Arbeiten von Aussenseitern immer wieder direkt auf zeitgenössische Kunstwerke. Dies führt zu Konfrontationen, in denen zentrale Begriffe der Kunst neu überdacht werden müssen. Fragen wie „Was ist Kreativität?“ oder „Gibt es heute noch verbindliche Qualitätsmassstäbe für das künstlerische Schaffen?“ werden durch dieses direkte Nebeneinander neu gestellt. Modellhaft wird die Frage nach Autorschaft und Kreativität im Projekt „Wilde Gärten“ von Christine und Irene Hohenbüchler aufgeworfen. Die Zwillinge nutzten 2003 ein Ausstellungsangebot des Museums, um zusammen mit betreuten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kartause Ittingen auf dem Gelände des Klosters neun Gärten anzulegen. Deren Form und Inhalt wurde weitgehend durch die Betreuten bestimmt. Die kreativen Vorstellungen der Behinderten verbanden sich mit den ästhetischen Überzeugungen der Künstlerinnen zu einer Einheit. Diese Form der Teamarbeit nennen die Hohenbüchlers „multiple Autorschaft“. Das Konzept einer multiplen Autorschaft bricht nicht nur mit dem Geniekult in der Kunst. Es unterläuft auch fundamental das Starsystem des heutigen Kunstmarktes, indem es die Möglichkeiten der in das Kunstsystem eingebundenen Künstlerinnen in den Dienst einer Gruppe von Menschen aus gesellschaftlichen Randzonen stellt. Nach zweijährigem Betrieb wurden die Gärten wie geplant wieder abgebaut. Heute gibt es nur noch einen letzten Überrest des Projektes zu bestaunen, etwa den Panther von Franz Spangaro. Um das Projekt im Museum dennoch sichtbar zu halten, entwickelten die Geschwister Hohenbüchler für das Museum ein Ausstellungsmöbel. Diese Möbelskulptur ist gleichzeitig künstlerisches Objekt und funktionales Präsentationsinstrument. Sie ist ebenso ein autonomes Kunstwerk wie ein Dokumentationsschrank für das Projekt. In diesem Nebeneinander realisiert sich modellhaft die Suche der Künstlerinnen nach gesellschaftlicher Wirkung, ohne dass dadurch der Anspruch, ein gutes Kunstwerk zu sein, verloren geht. Solche Werke mit direktem Bezug zum Ort öffnen in Ittingen ganz andere Denk- und Wahrnehmungsräume der Kunst.

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