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Leseprobe Rubrik: Ernährung

Essen, was man kennt

Die Bodenseeregion und ihre Lebensmittel-Erzeuger wollen Appetit machen auf ihre Produkte, und das fällt angesichts der Skandale der letzten Jahre in der nahrungsmittelproduzierenden Industrie gar nicht so leicht oder gar nicht so schwer. Je nach dem, wie man es sieht. Vielleicht erinnern Sie sich noch an Gammelfleisch oder an einfach umettiketierte Fleischwaren, an sogenannten Analog-Käse auf der Pizza, an mit Dioxin belastete Mozarella, an Glykol-Weine oder mit Pestiziden behaftete Tafeltrauben, Salmonellen wahlweise in der Mettwurst oder in den Eiern, an gepanschte Speiseöle und mit Methylalkohol vergifteten Schnaps. Neuerdings kennen wir auch Klebeschinken. Die Liste ließe sich noch beliebig verlängern, ich denke aber, Ihnen ist schon schlecht. Oder hätten Sie noch Appetit auf vergammelte Schweineköpfe, die 2008 in Niedersachsen zu Wurst verarbeitet wurden?
Das Tagesangebot einer Supermarktkette in der hieisigen Tageszeitung offeriert heute „Preissenkung 11 %, Rinderhackfleisch 500 gr.-Packung statt EUR 2,25 nur noch EUR 1,99“. Da erscheint das Sonderangebot einer bundesdeutschen Drogeriekette, die 1 kg Kalbsbraten für EUR 4,99 anbietet, geradezu teuer. Zum Vergleich, der aktuelle Benzinpreis für Normalbenzin liegt im Moment bei EUR 1,428 für den Liter. Im Zweifel reicht dieser noch nicht mal aus, um zum Supermarkt (oder Drogeriemarkt) zu fahren und das supergünstige Fleisch zu kaufen.

Lebensmittel sind in Deutschland im europäischen Vergleich nach wie vor am billigsten. Gründe dafür gibt es mehrere. Einer dürfte der Preiskrieg deutscher Lebensmittel-Discounter sein, die mit immer niedrigeren Preisen, immer weniger Menschen in ihre immer größer werdenden Verkaufsflächen zu locken versuchen. Man sollte aber nicht vergessen, dass immer niedrigere Preise an der Ladentheke von jemandem bezahlt werden müssen. Im Zweifel ist das der Erzeuger, der vom Ertrag seiner Arbeit nicht mehr leben kann. So viel zum Thema fairer Preis.
Die Frage muss sich also stellen: „Wie kommt es zu einem Preis von EUR 1,99 für ein Pfund Rinderhack, wenn für die Erzeugung von einem Kilo Rindfleisch schon sechs Kilo Getreide und Unmengen von Wasser (laut Zahlen der WELT vom Januar 2010 sind es 15.000 Liter) benötigt werden?“ Der Preis für Futterweizen liegt im Moment bei EUR 128,– für die Tonne. Die Kosten für den Wasserverbrauch vermag ich nicht zu beziffern, geschweige denn die sonstigen Kosten.
Ein weiterer Grund liegt sicher in der Mentalität der Deutschen, die im Gegensatz zu ihren französischen Nachbarn „ihren Kühlschrank eher mit Pflicht füllen, denn mit Vergnügen“, so eine Beschreibung in der französischen Zeitung „La Tribune“. In Zahlen übersetzt heißt das konkret, die Deutschen geben im Schnitt pro Jahr für Lebensmittel ohne alkoholische Getränke EUR 1.900 aus, die Franzosen gleichauf mit den Italienern EUR 2.300. Da kämen wir sogar bei einer Vergnügungssteuer auf Lebensmittel noch günstig davon.

DER NAHRUNG IHREN WERT ZURÜCKGEBEN | Damit wären wir wieder beim Thema Appetit und Vergnügen am Essen. Wikipedia erklärt den Begriff Appetit so: (lat. appetitus cibi – Verlangen nach Speise, v. appetere = haben wollen) versteht man einen psychischen Zustand, der sich durch das lustvoll geprägte Verlangen, etwas Bestimmtes zu essen, auszeichnet.
Lustvolles Verlangen ist das eine, was wir mit den folgenden Seiten hervorrufen möchten. Die Kulturlandschaft rund um den Bodensee ist gesegnet mit landschaftlicher Schönheit und klimatisch besten Bedingungen, die nicht nur eine Vielzahl an landwirtschaftlichen Erzeugnissen heranreifen, sondern die Menschen immer wieder hierher kommen lässt. Gerade die Landwirte leisten hier wertvolle Beiträge zum Erhalt und Schutz dieser Natur- und Kulturlandschaft.
Zum anderen haben wir eine Auswahl regionaler Erzeuger für Sie zusammengestellt, die Sie zu den Plätzen führen soll, an denen Lebensmittelhandwerker eine Vielfalt an Nahrungsmitteln wie Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Brot, Käse mit ihrer Hände Arbeit herstellen. Essen, was man kennt, bedeutet in erster Linie regionale Erzeuger auf eine faire und nachhaltige Basis zu stellen und lange Transportwege zu vermeiden.
Wir wollen Lust machen, einmal ein Frühstück direkt auf dem Bauernhof einzunehmen, mit den Bauern zu sprechen, zu sehen, zu erschmecken, zu erfahren, wie und unter welchen Umständen und mit welchem Aufwand landwirtschaftliche Produkte heranreifen und Tiere leben. Lassen Sie die eingeschweißten Äpfel im Supermarkt einfach mal liegen und kaufen einmal direkt ab Hof oder auf den zahllosen Bauern- oder Wochemärkten rund um den See nach dem Motto „Frische und Geschmack vor Preis“.

„Alle Dinge im Himmel und auf Erden haben keinen Wert, keine Schätzung als so viel, wie meine Vernunft ihnen zugesteht.“ Dieser Satz stammt von keinem Geringeren als Friedrich von Schiller. Auch der Nahrung sollten wir ihren Wert und den Erzeugern unsere Wertschätzung zugestehen, in dem wir wissen wollen, was wir essen, woher das Essen kommt, unter welchen Umständen es gelebt hat (und vielleicht gestorben ist) und ob Lebensmittel auch einen bestimmten Wert haben dürfen, der sich nicht allein über den Kaufpeis definiert.

In diesem Sinne „Guten Appetit“!

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