Mittlerweile schreiben wir den 7. Dezember 1815. Hortense, Louis und ihr Hof sind gerade in Konstanz angekommen. Sie nahmen zunächst Zimmer im Hotel „Zum Goldenen Adler“, das beste Hotel vor Ort … „Das Aussehen dieser traurigen Häuser, die Einsamkeit der menschenleeren Straßen, die Ruhe, die zu herrschen schien, zeigten mir Konstanz zunächst wie einen abgeschiedenen Ort auf der Welt. Die Stille nach so vielen Aufregungen, die Abgeschiedenheit nach so vielen gegen mich aufgebrachten Leidenschaften, alles gefiel mir und versprach mir hier diese Erholung, die stets vor mir floh.“ So artikulierte die Königin ihre ersten Empfindungen nach ihrer Ankunft in der größten Stadt am Bodensee. Ruhe, einfach Ruhe, danach sehnte sie sich.
Nach ihrer eigenen Aussage wählte sie die Stadt, da sie im Großherzogtum Baden lag, dessen Monarchin ihre Cousine Stéphanie de Beauharnais war. Wahrscheinlich handelte es sich dabei aber um einen vorgeschobenen Grund. Nachweislich besaß die nunmehr als „Herzogin von St. Leu“ titulierte Königin schon während der Zeit des Kaiserreiches Verbindungen dorthin.
Prinz Louis wusste anfänglich vermutlich nicht wie ihm geschah, als er den mittelalterlich anmutenden Ort kennen lernte. Er hatte nun gar nichts mit der mondänen Metropole Paris oder mit Schloss Malmaison gemeinsam. Doch sein Interesse war spätestens in Anbetracht der badischen Soldaten geweckt, die in der benachbarten Kaserne ihren
Dienst taten. Sie erkannten in ihm den Neffen Napoleons I. und ließen sich beim Exerzieren gutmütig befehligen.
Alemannische Kindheit eines französischen Prinzen
Kurze Zeit später zog der kaiserliche Hof in das Zumsteinsche Gut auf der rechten, der „schwäbischen“
Rheinseite. Bei der Liegenschaft handelte es sich um drei Gebäude, ein dreistöckiges Wohnhaus und zwei davor gelegene Nebenhäuser samt umliegendem Park. Königin Hortense bestimmte für sich und den kleinen Prinzen die Beletage des Hauptgebäudes, das sich auf eine hölzerne Galerie hin öffnete. Louis erhielt darin zwei eigene Zimmer, die durch einen schmalen Gang von den Räumen seiner Mutter getrennt waren.
Während Hortense das gesellschaftliche Leben der Stadt aktivierte (Bälle im „Konzil“ – Theateraufführungen, Soireen etc.) knüpfte ihr Sohn im Vorort Petershausen die ersten Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Johann Marmor, der Sohn des Rheinmüllers oder die Brüder von Fingerlin zählten genauso zu den Spielkameraden, wie die Kinder von französischen Angestellten des Hofes. Zum täglichen Einmaleins des Prinzen gehörten neben eher zufälligen Unterrichtsstunden durch die Mutter und deren Hofkaplan Bertrand bzw. einige Konstanzer Professoren (u.a. der bekannte Zeichenlehrer Nikolaus Hug) Soldatenspiele und abenteuerliche Ausflüge in die Umgebung. Die nahe „Schmugglerbucht“, der „Erlebnispark“ des Domherren Thurn-Valsassina sowie das „Loretto“ genannte Landgut seiner Mutter boten fantastische Möglichkeiten dazu. Schnell erlernte er den hiesigen Dialekt und sprach alemannisch! Zahlreiche Anekdoten sind aus dieser Zeit überliefert. Sie beweisen, dass Hortense bei der Erziehung des Jungen keinen Wert auf kaiserliche Etikette legte. Auch die ausgeprägte soziale Ader des Prinzen zeigte sich schon damals: Eines Tages kam er ohne Jacke und Schuhe nach Hause; er hatte sie an bedürftige Kinder verschenkt.
Königin Hortense befreit Konstanz aus dem Dornröschenschlaf
Gleichzeitig baute die Königin ein soziales Leben auf. In Paris hatte sie bereits einige Konstanzer kennen gelernt: den Generalvikar Ignaz von Wessenberg, die Bankierfamilie Macaire, … Dazu stießen ihre langjährige Freundin, Fürstin Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, und natürlich ihr geliebter Bruder Eugène, der in München wohnte. Ein Gefühl von Heimat entwickelte sich. Wie lange sie fern von Frankreich bleiben müsste, war ihr nicht bekannt. Immer würde sie hoffen, dass vielleicht eines Tages …
Möglicherweise reiste sie deshalb so viel, meist allerdings ohne ihren Sohn. Gemeinsam besuchten sie aber Onkel Eugène in Starnberg oder das Kloster Einsiedeln, wo Louis seine Erstkommunion erhielt.
Bemerkenswert gestalteten sich die bald nach ihrer Niederlassung am Bodensee einsetzenden wirtschaftlichen Aktivitäten der kaiserlichen Familie: So gründeten sie zusammen mit Thurgauer bzw. Konstanzer Magnaten die erste Dampfschifffahrtsgesellschaft. Deren auf den Namen „Stéphanie“ getauftes Dampfboot erhielt allerdings traurige Berühmtheit; die Kraft seiner Maschine reichte nicht aus und das Schiff musste schon bei der Jungfernfahrt zurück gerudert werden. Noch heute hält sich daher im Volksmund der Spitzname: „Steh-fahr-nie“. Weiter besaß man wirtschaftliche Beziehungen zur Stofffabrik Herosé. Dort entstanden nach eigenen Entwürfen Textilien, die unter der Bezeichnung „Hortensia-Ware“ erfolgreich in ganz Europa verkauft wurden (z.B. „Roche de Ste Helène“). Die Verbindungen entwickelten sich derart, dass das offizielle Kontorhaus der Firma zeitweise als Stadtpalais des Arenenberger Hofes diente.
Und wieder auf der Flucht
Doch die Siegermächte gaben keine Ruhe und ließen den kleinen französischen Hof ständig beschatten. Seitenlange Berichte von Spionen aller Nationen wurden geschrieben und an die jeweiligen Außenministerien geschickt. Gewisse Kreise stuften die Familie sogar für derart gefährlich ein, dass man sie mit Gift beseitigen wollte. Ein nicht näher bekannter Franzose versuchte einen Angestellten des Hofes dazu anzustiften, Louis und Hortense mit Arsen zu vergiften. Da ein Diener sich seinem Vorgesetzten anvertraute, konnte der Anschlag verhindert werden. Die Hintermänner wurden aber nie gefasst. Als die Königin 1817 beschloss, Schloss Arenenberg im nahe gelegenen Thurgau zu erwerben, verstärkte das den Argwohn der Großmächte noch zusätzlich. Der Grund lag auf der Hand: Arenenberg ließ sich nur sehr schwer überwachen, jede unbekannte Person, die sich zu lange in der Nähe des Anwesens aufhalten würde, fiel gleich auf. Sofort nach dem Kauf ließ Hortense mit Umbauarbeiten sowie der Einrichtung eines Parks beginnen.
Die umliegenden Mächte übten nun massiven Druck auf das relativ schwache und unbedeutende Großherzogtum Baden aus. Der Königin wurde nahe gelegt, ihren Aufenthalt in Konstanz zu beenden. Trotz erheblicher Proteste aus der Bevölkerung, die wirtschaftliche Nachteile durch ihren Wegzug fürchtete und vor allem ihre soziale Unterstützung schätzte, verließ die kaiserliche Familie das Bodenseegebiet Richtung Augsburg.