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Leseprobe Rubrik: Schloss Arenenberg

Arenenberg

Sehnsuchtsort seit mehr als 600 Jahren

Schon die Römer wussten die Schönheit dieses einzigartigen „Berges“ oberhalb des Untersees zu schätzen. Archäologische Funde lassen darauf schließen. Um was für eine Art von spätantiker Besiedlung es sich dabei handelte, bleibt allerdings im Dunkel der Geschichte verborgen. War es ein Landhaus? War es ein kleines Heiligtum? Man weiß es nicht. Die im Mittelalter für den Arenenberg gebräuchliche Bezeichnung, „Narrenberg“, deutet jedenfalls darauf hin, dass es hier noch lange Spuren aus der Spätantike zu sehen gegeben haben muss. Denn mit dem Begriff „Narr“ verband man in dieser Zeit gerne Dinge, die sehr alt waren und deren Ursprung unerklärlich schien.

Spätestens seit dem beginnenden 15. Jahrhundert steht außer Frage, dass der „Narrenberg“ ein wahrer Sehnsuchtsort ist. Er gehörte vermögenden und mächtigen Thurgauer bzw. Konstanzer Familien, die u.a. durch Fernhandel reich geworden waren und Verbindungen in die ganze, damals bekannte Welt besaßen. Sie trafen sich hier, feierten Feste und genossen die überwältigende Landschaft. Freunde und Förderer, darunter wahrscheinlich auch zahlreiche gekrönte Häupter, kamen zu Besuch und so manche diplomatische Frage dürfte hier im Grünen erörtert worden sein. Neben Repräsentation und Erholung bedeutete ein solches Gut natürlich auch einen Wirtschaftsfaktor. Ackerbau, Fischerei, Viehzucht, Obstwiesen, Gemüsegärten und vor allem Reben gehörten als wichtige Bestandteile dazu. Der „Arenen“- (sprich: „Narren“-)berger Wein galt schon im Mittelalter als begehrtes Getränk. Wie das Gut damals genau ausgesehen hat, lässt sich allerdings nur erahnen. Wahrscheinlich handelte es sich um mindestens ein in Stein gebautes Haus, zu dem weitere in Fachwerk errichtete Gebäude zählten, darunter sicher eine „Trotte“, d.h. ein „Torkel“ für den Wein. Zu den oben beschriebenen mehr landwirtschaftlich ausgerichteten Anlagen gehörte aber auch noch etwas ganz Besonders – ein ausschließlich der Erholung dienender kleiner Garten. Ein Sehnsuchtsort im wahrsten Sinne des Wortes!

Doch die Zeiten änderten sich – blutige Eroberungskriege führten dazu, dass der reiche Thurgau verwüstet und Untertanengebiet wurde. Der Narrenberg blieb zwar als Weingut erhalten, verlor aber seine sonstige Funktion. Kartäuser-Mönche aus Buxheim bei Memmingen (Bayern) erwarben die Anlage und arbeiteten erfolgreich in den Rebhängen. Sie errichteten zu den bestehenden Gebäuden wahrscheinlich auch ein kleines „Klösterle“, dessen Standort unter der Bezeichnung „Eremitage“ noch heute im Landschaftspark erahnt werden kann. Der Blick ins scheinbar Unendliche fasziniert die Besucher schon seit weit mehr als 1.000 Jahren. | Die Geschichte

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Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts berichteten die Besucher von diesem Leben und erzählten schwärmerisch von der Schönheit der Landschaft. Völlig überraschend kam auch die Weltgeschichte zurück. Ein künftiger Kaiser der Franzosen, seine Mutter und seine Familie verliebten sich in den Arenenberg und prägten ihn bis heute. Behutsam modernisierten sie das Gut. Es entstand ein Landsitz mit Pariser Charme, dazu ein Landschaftspark, voll von den Spuren seiner reichen Vergangenheit.

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DER ARENENBERG HEUT E

Auch als Ausflugsziel, Museum und Ort der Wissenschaft sowie Beratungszentrum steht der Arenenberg noch ganz in der Tradition des Sehnsuchtorts. Im Jahr 1906 schenkte die letzte französische Kaiserin das Anwesen dem Kanton Thurgau, der darin ein Museum errichtete und es um eine landwirtschaftliche Schule erweiterte. Beide Betriebe – Museum und Schule – repräsentieren heute den Arenenberg, zu dem eine vielfältige Gartenwelt gehört. Ihre Mitarbeiter und Ausbilder geben ihre Liebe und ihr Wissen zum und über die Geschichte des Orts gerne an die Besucher und Schüler weiter. Alle sind eingeladen, sich vom Zauber des Schlossguts einfangen zu lassen und seine grüne Seite kennenzulernen. Dazu stehen ihnen das Museum, die Schulgärten mit Gärtnerei, Wein- und Sortengärten, der englische Landschaftspark und der mittelalterliche Patriziergarten offen. Text: Dominik Gügel

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Leseprobe Rubrik: Schloss Arenenberg

Das Schloss Arenenberg

Als „Schloss“ bezeichnet man heute das Napoleonmuseum, obwohl es nur ein kleiner Teil davon ist. In seinen Mauern haben fast alle vergangenen Epochen Spuren hinterlassen. 

Vom Narrenberg genannten Gut des späten Mittelalters scheinen sich kaum Spuren erhalten zu haben. Lediglich in den Gewölben des historischen Weinkellers und im Mauerwerk des heutigen Napoleonmuseums vermutet man Reste davon. Anhand von Urkunden lässt sich sein Aussehen allerdings gut beschreiben: Auf der Liegenschaft befanden sich mehrere Häuser, mindestens eines davon aus Stein. Dazu ein Bauernhof, ein Torkel, zwei Weingärten, ein (Lust-) Garten, Brunnen, Wiesen und Felder, Weiden, Quellen, Wald, Fischereirechte und eine Anlegestelle für Schiffe. Auch seine Besitzer sind bekannt. Der zweite, Heinrich von Tettikoven, wurde sogar in der Chronik des Konstanzer Konzils portraitiert. Eine große Seltenheit für das 15. Jahrhundert!

Im Gegensatz zu den Bauten des 15. Jahrhunderts ist die Schlossanlage zwischen dem 16. und beginnenden 19. Jahrhundert noch heute an vielen Stellen nachvollziehbar. Neben einem Haupthaus besaß sie zwei weitere Gebäude und eine mit Zinnen bewehrte Umfassungsmauer, die mit verschiedenen Türmen verstärkt war. Daraus darf man aber nicht schließen, es handelte sich um Verteidigungseinrichtungen. Die Mauern und Türme waren nur noch reine Zierelemente. Eine zeitgenössische Chronik berichtet, der Narrenberg gehöre dem Konstanzer Bürgermeister Sebastian Geissberg. Er habe ihn komplett neu als Lustschloss erbauen bzw. anlegen lassen. Auf Geissberg folgten als Besitzer unterschiedliche Konstanzer, St. Galler und Thurgauer Familien, die teilweise auf dem Narrenberg selbst wohnten. Sie gehörten sowohl dem weltlichen wie auch dem geistlichen Stand an. Daneben besaßen sie aber meist noch einen Stadtsitz in Konstanz. Zusammen mit Verwaltern und Taglöhnern unterhielten sie die im Schnitt ca. 15 Hektar große Landwirtschaft. Im Mittelpunkt stand dabei vor allem der Rebbau. Auch ein offizieller Weinausschank lässt sich zeitweise nachweisen.

Viele Besucher stehen vor dem Gebäude und fragen sich, wo denn eigentlich das „Schloss“ sei. Sie erliegen dabei einer seit Jahrzehnten sorgfältig gepflegten sprachlichen Verwirrung – der Behauptung, dass „nur“ das heutige Napoleonmuseum Schloss Arenenberg sei. Mit der Bezeichnung, „Schloss Arenenberg“, ist seit jeher der gesamte Arenenberg gemeint. Das heißt, die Gebäude des heutigen Bildungs- und Beratungszentrums genauso, wie der Komplex des Napoleonmuseums. Sie bilden zusammen die Nachfolge des mittelalterlichen bis neuzeitlichen Schlossguts. Dies hatte 1906, im Jahr der Schenkung, auch der Kanton Thurgau als neuer Besitzer erkannt. Er gab den beiden neu entstandenen Betrieben Bezeichnungen, die der Tradition des Schlossguts Rechnung trugen: Napoleonisches Museum im Schloss Arenenberg und Landwirtschaftliche (Winter-)Schule im Schloss Arenenberg. Später distanzierte sich der Bildungsbereich vom gemeinsamen Erbe; der Begriff „Schloss“ wurde konsequent nur noch für das Museum verwendet. 

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DIE SCHLOSSKAPELLE

Für die einen das Himmelreich, für die anderen „nur“ ein Gotisches Zimmer  Heute steht sie weit oben auf der Liste der 50 schönsten Orte zum Heiraten in der Schweiz und wird mit romantischen Begriffen wie „Ganz intim“ in Verbindung gebracht. Ihre Grundmauern reichen sogar ins späte Mittelalter zurück. Kein Wunder, dass seit damals hier die sog. „Himmelsleiter“ endet. Symbolisch führt sie aus den feuchten Niederungen des Parks, dem mittelalterlichen „Jammertal auf Erden“, direkt ins „Himmelreich“. Viele Besucher bezeichnen die Kapelle als die „Schöne am See“, denn sie wurde direkt gegenüber der ehrwürdigen Reichenauer Klosterkirche erbaut. Von hier aus blickt man über den Untersee auf den Bodanrück sowie den Hegau und weiter über den Überlinger See in den Linzgau. Eine wahrhaft „himmlische“ Aussicht! Text: Dominik Gügel

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Leseprobe Rubrik: Arenenberg Park

Einführung

Eine kleine Einführung des Parkführers vom Schloss Arenenberg.

Als Hortense de Beauharnais, Exkönigin von Holland und gewesene „Première Dame de France“ im Jahr 1816 erstmals auf den Arenenberg kam und sich blindlings in die Anlage verliebte, ahnte sie wahrscheinlich nicht, dass sie sich auf einem der geschichtsträchtigsten Schlösser der Bodenseeregion befand.
Obwohl sich die meisten Besucher heute auf die Zeit der Familie Bonaparte konzentrieren, darf man nicht vergessen, dass auch schon zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert eine im wahrsten Sinne des Wortes blühende Gartenbautradition auf dem damals „Narrenberg“ genannten Anwesen bestand; in vielen Details lässt sie sich auch noch im 21. Jahrhundert wieder erkennen. Leider wissen wir noch zu wenig über die Ideen und Verbindungen der Besitzer des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, aber die vorhandenen Spuren weisen doch eindeutig ins Italien und Frankreich der Renaissance - kein Wunder, gehörten Konstanz und der Thurgau zusammen mit dem gesamten Bodensee damals doch noch zu den zentralen Regionen Europas! Somit lässt sich also über mindestens 600 Jahre eine direkte Linie nachvollziehen, die ihren Höhepunkt sicher ab 1816/17 im gartentechnischen Schaffen der Familie de Beauharnais/Bonaparte fand. Grosse Namen sind mit ihr und Schloss Arenenberg verbunden: Die Franzosen Louis-Martin Berthault (er schuf die Anlagen von Malmaison und St. Leu bei Paris), Aimé Bonpland und Pierre-Joseph Redouté, dessen „Description des plantes rares cultivées à Malmaison et à Navarre“ („Beschreibung der seltenen Pflanzen, die in Malmaison und Navarre kultiviert werden“) auch am Untersee Verwendung fanden. Der preussische Naturforscher Alexander von Humboldt und die Gartenplaner Hermann von Pückler-Muskau bzw. Peter Joseph Lenné standen genauso im Kontakt mit der kaiserlichen Familie wie Karl Friedrich Schinkel, der den Arenenberg während der 1830er-Jahre besuchte. Der bayrische Landschaftsarchitekt Friedrich Ludwig von Sckell schliesslich arbeitete für Eugène de Beauharnais, den Bruder von Königin Hortense und entwarf vielleicht den ebenfalls am Untersee gelegenen Park von Schloss Eugensberg (im Privatbesitz und nicht zugänglich).

Ähnlich eines Samenkorns, das man in die Erde steckt und aus dem sich anschliessend eine Pflanze mit neuen Samen entwickelt, bildete der Arenenberg im 19. Jahrhundert das Zentrum für eine zunächst am Untersee und später in der ganzen Region einsetzenden Entwicklung. Rings um die kaiserliche Domäne entstanden nach ihrem Vorbild grössere und kleinere herrschaftliche Parkanlagen, die zum Teil noch heute vorhanden sind. Als berühmteste davon kann sicher die „Blumeninsel“ Mainau genannt werden, deren Ursprünge auf den Fürsten Nikolaus von Esterházy zurück gehen, der das Eiland im Jahr 1827 kaufte und sofort mit der Anlage eines Landschaftsparks begann. Nicht umsonst spricht man noch heute vom Ufer zwischen Konstanz und Arenenberg bzw. Stein am Rhein als von der „Côte Napoléon“, von der „napoleonischen Küste“. So entwickelte sich ein gärtnerisches Netzwerk, das sich allmählich nicht nur am Bodensee, sondern in ganz Europa bzw. der damals bekannten Welt verbreitete. Pflanzen und botanische Tipps wurden ausgetauscht und viele Verbindungen geknüpft. Dabei griffen die Bonapartes natürlich auf viel ältere Verbindungen zurück, die sie schon während des Kaiserreiches durch ihre dynastischen Verbindungen geknüpft hatten (siehe hierzu „Die Bonapartes als Gartenbauer“).

Bis 1906 blieb der Arenenberg im Familienbesitz. Damit sind das Schloss und sein Park die am längsten durch die
Napoleoniden beeinflusste Anlage auf der Welt. Dank seiner weit über 600-jährigen Gartenbautradition, seiner original restaurierten Wege und Installationen sowie der mit ihm verbundenen grossen Namen stellt er ein Juwel nicht nur am Bodensee dar, sondern reiht sich ein in die bedeutenden europäischen Landschaftsparks. Dass er sich mit seinen 12 Hektaren vergleichbar eher kleinräumig präsentiert täuscht. Nach den Vorstellungen Kaiser Napoleons III. gehört nicht nur der eigentliche Grund und Boden dazu, sondern das ganze Bodenseegebiet von den Alpen bis zum Rheinfall.
Durch seine einzigartige Lage erreicht er so eine Grösse und Schönheit, die selbst den wählerischen Fürsten von Pückler-Muskau schwärmen liess: „Ich fand den Ort, schöner noch, als ich erwartet hatte, und über alle Beschreibung hinreissend die Aussicht auf Konstanz, die drei Arme des Sees, die Menge der umliegenden Dörfer im Tal, und die weite mit Weinbergen und weiss blühenden Obstbäumen bedeckte Gegend. [...] Nur eine geringe Unterstützung durch Menschenhände, und der schönste englische Garten wäre geschaffen, den zu sehen man vielleicht nachher hunderte von Meilen zurücklegen würde, da jetzt wenig Menschen nur die Existenz dieser herrlichen Gegend kennen.“

Dominik Gügel

Leseprobe Rubrik: Napoleon III

Die ersten Jahre am Bodensee

Aus dem Leben von Napoleon III.

Mittlerweile schreiben wir den 7. Dezember 1815. Hortense, Louis und ihr Hof sind gerade in Konstanz angekommen. Sie nahmen zunächst Zimmer im Hotel „Zum Goldenen Adler“, das beste Hotel vor Ort … „Das Aussehen dieser traurigen Häuser, die Einsamkeit der menschenleeren Straßen, die Ruhe, die zu herrschen schien, zeigten mir Konstanz zunächst wie einen abgeschiedenen Ort auf der Welt. Die Stille nach so vielen Aufregungen, die Abgeschiedenheit nach so vielen gegen mich aufgebrachten Leidenschaften, alles gefiel mir und versprach mir hier diese Erholung, die stets vor mir floh.“ So artikulierte die Königin ihre ersten Empfindungen nach ihrer Ankunft in der größten Stadt am Bodensee. Ruhe, einfach Ruhe, danach sehnte sie sich.
Nach ihrer eigenen Aussage wählte sie die Stadt, da sie im Großherzogtum Baden lag, dessen Monarchin ihre Cousine Stéphanie de Beauharnais war. Wahrscheinlich handelte es sich dabei aber um einen vorgeschobenen Grund. Nachweislich besaß die nunmehr als „Herzogin von St. Leu“ titulierte Königin schon während der Zeit des Kaiserreiches Verbindungen dorthin.
Prinz Louis wusste anfänglich vermutlich nicht wie ihm geschah, als er den mittelalterlich anmutenden Ort kennen lernte. Er hatte nun gar nichts mit der mondänen Metropole Paris oder mit Schloss Malmaison gemeinsam. Doch sein Interesse war spätestens in Anbetracht der badischen Soldaten geweckt, die in der benachbarten Kaserne ihren
Dienst taten. Sie erkannten in ihm den Neffen Napoleons I. und ließen sich beim Exerzieren gutmütig befehligen.

Alemannische Kindheit eines französischen Prinzen
Kurze Zeit später zog der kaiserliche Hof in das Zumsteinsche Gut auf der rechten, der „schwäbischen“
Rheinseite. Bei der Liegenschaft handelte es sich um drei Gebäude, ein dreistöckiges Wohnhaus und zwei davor gelegene Nebenhäuser samt umliegendem Park. Königin Hortense bestimmte für sich und den kleinen Prinzen die Beletage des Hauptgebäudes, das sich auf eine hölzerne Galerie hin öffnete. Louis erhielt darin zwei eigene Zimmer, die durch einen schmalen Gang von den Räumen seiner Mutter getrennt waren.
Während Hortense das gesellschaftliche Leben der Stadt aktivierte (Bälle im „Konzil“ – Theateraufführungen, Soireen etc.) knüpfte ihr Sohn im Vorort Petershausen die ersten Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Johann Marmor, der Sohn des Rheinmüllers oder die Brüder von Fingerlin zählten genauso zu den Spielkameraden, wie die Kinder von französischen Angestellten des Hofes. Zum täglichen Einmaleins des Prinzen gehörten neben eher zufälligen Unterrichtsstunden durch die Mutter und deren Hofkaplan Bertrand bzw. einige Konstanzer Professoren (u.a. der bekannte Zeichenlehrer Nikolaus Hug) Soldatenspiele und abenteuerliche Ausflüge in die Umgebung. Die nahe „Schmugglerbucht“, der „Erlebnispark“ des Domherren Thurn-Valsassina sowie das „Loretto“ genannte Landgut seiner Mutter boten fantastische Möglichkeiten dazu. Schnell erlernte er den hiesigen Dialekt und sprach alemannisch! Zahlreiche Anekdoten sind aus dieser Zeit überliefert. Sie beweisen, dass Hortense bei der Erziehung des Jungen keinen Wert auf kaiserliche Etikette legte. Auch die ausgeprägte soziale Ader des Prinzen zeigte sich schon damals: Eines Tages kam er ohne Jacke und Schuhe nach Hause; er hatte sie an bedürftige Kinder verschenkt.

Königin Hortense befreit Konstanz aus dem Dornröschenschlaf
Gleichzeitig baute die Königin ein soziales Leben auf. In Paris hatte sie bereits einige Konstanzer kennen gelernt: den Generalvikar Ignaz von Wessenberg, die Bankierfamilie Macaire, … Dazu stießen ihre langjährige Freundin, Fürstin Amalie Zephyrine von Hohenzollern-Sigmaringen, und natürlich ihr geliebter Bruder Eugène, der in München wohnte. Ein Gefühl von Heimat entwickelte sich. Wie lange sie fern von Frankreich bleiben müsste, war ihr nicht bekannt. Immer würde sie hoffen, dass vielleicht eines Tages …
Möglicherweise reiste sie deshalb so viel, meist allerdings ohne ihren Sohn. Gemeinsam besuchten sie aber Onkel Eugène in Starnberg oder das Kloster Einsiedeln, wo Louis seine Erstkommunion erhielt.
Bemerkenswert gestalteten sich die bald nach ihrer Niederlassung am Bodensee einsetzenden wirtschaftlichen Aktivitäten der kaiserlichen Familie: So gründeten sie zusammen mit Thurgauer bzw. Konstanzer Magnaten die erste Dampfschifffahrtsgesellschaft. Deren auf den Namen „Stéphanie“ getauftes Dampfboot erhielt allerdings traurige Berühmtheit; die Kraft seiner Maschine reichte nicht aus und das Schiff musste schon bei der Jungfernfahrt zurück gerudert werden. Noch heute hält sich daher im Volksmund der Spitzname: „Steh-fahr-nie“. Weiter besaß man wirtschaftliche Beziehungen zur Stofffabrik Herosé. Dort entstanden nach eigenen Entwürfen Textilien, die unter der Bezeichnung „Hortensia-Ware“ erfolgreich in ganz Europa verkauft wurden (z.B. „Roche de Ste Helène“). Die Verbindungen entwickelten sich derart, dass das offizielle Kontorhaus der Firma zeitweise als Stadtpalais des Arenenberger Hofes diente.

Und wieder auf der Flucht
Doch die Siegermächte gaben keine Ruhe und ließen den kleinen französischen Hof ständig beschatten. Seitenlange Berichte von Spionen aller Nationen wurden geschrieben und an die jeweiligen Außenministerien geschickt. Gewisse Kreise stuften die Familie sogar für derart gefährlich ein, dass man sie mit Gift beseitigen wollte. Ein nicht näher bekannter Franzose versuchte einen Angestellten des Hofes dazu anzustiften, Louis und Hortense mit Arsen zu vergiften. Da ein Diener sich seinem Vorgesetzten anvertraute, konnte der Anschlag verhindert werden. Die Hintermänner wurden aber nie gefasst. Als die Königin 1817 beschloss, Schloss Arenenberg im nahe gelegenen Thurgau zu erwerben, verstärkte das den Argwohn der Großmächte noch zusätzlich. Der Grund lag auf der Hand: Arenenberg ließ sich nur sehr schwer überwachen, jede unbekannte Person, die sich zu lange in der Nähe des Anwesens aufhalten würde, fiel gleich auf. Sofort nach dem Kauf ließ Hortense mit Umbauarbeiten sowie der Einrichtung eines Parks beginnen.
Die umliegenden Mächte übten nun massiven Druck auf das relativ schwache und unbedeutende Großherzogtum Baden aus. Der Königin wurde nahe gelegt, ihren Aufenthalt in Konstanz zu beenden. Trotz erheblicher Proteste aus der Bevölkerung, die wirtschaftliche Nachteile durch ihren Wegzug fürchtete und vor allem ihre soziale Unterstützung schätzte, verließ die kaiserliche Familie das Bodenseegebiet Richtung Augsburg.

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