Fangen wir die Geschichte doch mal am Ende an. Stellen Sie sich vor, vor Ihnen steht ein appetitlich angerichteter Teller mit einem fangfrischen Bodenseefelchen, vielleicht wurde er in ein wenig Butter gebraten, mit Salz und Pfeffer zart gewürzt, mit etwas Petersilie und Zitrone versehen, ganz ohne Schnickschnack. Dazu vielleicht noch einen bunten Salatteller, bei dem die Bestandteile nicht in irgend einer undefinierbaren weißen Pampe schwimmen. Auch gegen ein Glas fruchtigen Seeweins ist nichts einzuwenden. Ein wunderbar leichtes und gesundes Mahl und typisch für die Bodenseeregion. Der Felchen und der See sind wie zwei Seiten einer Medaille.
Fischer als Beruf
Etwa 30 verschiedene Fischarten tummeln sich im Bodensee. Dem Felchen jedoch gilt das Hauptinteresse der professionellen Bodensee-fischerei. Aber was ist eigentlich ein Felchen. Der Bodenseefelchen (Coregonus wartmanni) ist ein Süßwasserfisch aus der Familie der Lachsfische (Salmonidae), der im Bodensee vorkommt. Er ist ein wohlschmeckender Speisefisch mit festem weißem Fleisch und wenig Gräten. Unterschieden wird zwischen Blaufelchen, Sandfelchen und sonstigen Gangfischen. Noch gibt es ca. 150 Berufsfischer am gesamten Bodensee, die laut Fangstatistik im Jahr 2009 insgesamt 922.875 kg Fisch aus dem See gezogen haben. Hier ist der Felchen mit 733.052 kg die größte Gruppe, gefolgt vom Barsch (auf der Speisekarte zu finden als Egli oder Kretzer) mit 76.736 kg. Die Netze mit Seesaiblingen waren mit insgesamt knapp 10.200 kg gefüllt, die Seeforellen brachten es noch auf knapp 10.000 kg. Den Rest teilten sich Äsche, Hecht, Karpfen, Schleie, Trüsche, Wels, Aal und sonstige Weißfische.
Die Fischerei ist einer der ältesten Berufe am Bodensee mit einer langen Tradition. Die Fischer gehen mehrmals am Tag auf den See, um Netze einzuholen oder auszulegen. Das erste Mal morgens zwischen vier und sechs Uhr, das letzte Mal am Abend. Doch auch vor solch einem traditionsreichen Gewerbe macht der Fortschritt nicht halt. Inzwischen werden die von den meisten Fischern ausgebrachten Treibnetze zum Einholen dank GPS punktgenau geortet, so dass sich ein langes Suchen der auf Grund von Wind und Strömung abgetriebenen Netze erübrigt.
Schonzeit für Fischer und Fische
Die Anrainerländer des Bodensees haben durch ein Abkommen die Fischwirtschaft einheitlich geregelt. Die entsprechenden Verordnungen schreiben Schonzeiten und Mindestgrößen für gefangene Fische vor und spezifizieren zuge-lassene Fanggeräte z.B. durch Maschenweiten, Netzgrößen und deren Anzahl. Schonzeiten dienen der Erhaltung des Fischbestandes. Die Schonzeit des Felchen dauert jeweils von Mitte Oktober bis 10. Januar. Von diesem Tag an bis 31. März müssen die Felchennetze fest verankert gesetzt werden und können sieben Tage lang im See bleiben, weil diese Netze nicht so fangfähig sind. Vom 1. April bis 15. Oktober müssen die Felchennetze freitreibend gesetzt werden, d.h. der Fischer darf nur Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag zum Felchenfang ausfahren. Diese Bestimmung ist wichtig, weil die freitreibenden Netze einen wesentlich besseren Fang erzielen. Sie dient dem Zweck der Nachhaltigkeit, um durch hohe Fangerträge den Felchenbestand nicht zu gefährden. An Sonntagen dürfen sich alle Fische in Sicherheit wiegen, sonntags haben die Bodenseefischer generell ihren „freien Tag“.
Während der Schonzeit hingegen erlaubt und für die Sicherung des Fischbestandes notwendig ist der Laichfischfang. Die eigens zum Laichgewinn während der Schonzeit gefangenen Fische wie z.B. der Felchen werden „abgestreift“, befruchtet und in Eimern in der Fischbrutanstalt abgeliefert. Hauptaufgabe der fünf am Bodensee befindlichen Fischbrutanstalten (Reichenau, Langenargen, Nonnenhorn, Rorschach und Hard) ist es, die für die Besatzmaßnahmen erforderlichen Fische wie Felchen, Seeforelle, Seesaibling und Hecht zu erbrüten und einzusetzen. Durch den Fischbesatz sollen extreme Schwankungen beim Fischertrag vermieden werden. Allein in der Fischbrutanstalt Langenargen werden pro Saison an die 100 Millionen Felcheneier ausgebrütet. In mannshohen, gläsernen Erbrütungsröhren wird der Felchenlaich in ständiger Bewegung gehalten. Über die Wassertemperatur wird der optimale Schlüpfzeitpunkt (März und April) gesteuert, um den idealen Zeitpunkt zum Einsetzen der Jungfelchen bestimmen zu können, wenn genügend Plankton als Nahrung im See für die Fische vorhanden ist.
Von den Millionen Jungfelchen, die im April/Mai als Besatzfische in den See gelangen, überlebt in den Folgejahren im See lediglich ein Bruchteil. Bis zur Fanggröße vergehen bei der heute verbesserten Wasserqualität und dem damit verbundenen geringeren Nahrungsangebot drei bis fünf Jahre.
Damit wären wir wieder am Ausgangspunkt und dem zubereiteten Felchen auf dem angerichteten Teller, denn jetzt kommt der schöne Teil der Geschichte des Felchens. Der Genuss. Der Genuss eines Lebensmittels, welches über viele Jahre in klarem Wasser unter artgerechten Bedingungen gewachsen, mit Sorgfalt gefangen und ebenso zubereitet wurde. Und scheuen Sie sich nicht, hin und wieder einen ganzen Fisch anstelle von Filets zu kaufen oder im Restaurant zu bestellen. Wer sich mit einem Fischer unterhält, wird viel über seine Arbeit und den See erfahren und er wird sicherlich auch erwähnen, wie schade es ist, dass immer mehr filetierter Fisch verlangt wird. Ein Filet ist einfach ein Stück Fisch. Ein ganzer Fisch jedoch macht uns bewusst, dass hier ein Tier zum Lebensmittel geworden ist, das nicht achtlos verschlungen, sondern genussvoll verspeist werden sollte.
Wie jedes Jahr werden auch 2011 bei den Felchenwochen am Untersee vom 12. Septem-ber bis 9. Oktober verschiedene Variationen des beliebten Bodenseefisches angeboten. Weitere Informationen hierzu gibt es unter www.tourismus-untersee.eu



